Märkte und Staaten können an ihren Aufgaben scheitern

Märkte und Staaten können an ihren Aufgaben scheitern

Der entscheidende Unterschied zwischen Politik und Ökonomie liegt für Ralf Dahrendorf darin begründet, dass politische Prozesse auf menschlichem Eingreifen beruhen, während ökonomische Prozesse naturwüchsig ablaufen. Politik geschieht in Institutionen, Ökonomie im Markt. Bei beiden handelt es sich dennoch um zwei Formen sozialer Prozesse und auch um zwei Perspektiven auf die Gesellschaft. Ralf Dahrendorf zitiert Adam Smith, der glaubte, dass es einen natürlichen Fortschritt des Reichtums geben würde. Adam Smith meinte, dass der Markt die Kraft zu seiner eigenen Ausweitung enthält, so dass sich am Ende alle Ungleichheiten auflösen und sich ein allgemeiner Wohlstand durch alle Schichten der Gesellschaft verbreitet.

Ralf Dahrendorf kritisiert den Ansatz der Ökonomie von Adam Smith

ZeitFür Ralf Dahrendorf ist diese Ansicht von Adam Smith ein Paradox. Auf der einen Seite gibt es nämlich allgemeinen Wohlstand, auf der anderen Seite die verschiedenen Ränge der Gesellschaft. Das passt nicht zusammen. Ralf Dahrendorf nimmt an, dass eher das Gegenteil geschehen würde, so dass Menschen ihrem Rang nach gleich sind, aber unterschiedliches Einkommen haben. Denn er schreibt: „Ungleichheiten des Angebots sind eher erträglich als solche der Anrechte.“ Adam Smith konzentriert sich seiner Meinung nach zu sehr auf das Angebot. Die Ökonomie ist bei ihm eine Angebotswissenschaft.

Alles Mögliche wird laut Ralf Dahrendorf aus dem Wachstum des Angebots, der Einkommen, des Lebensstandards und der Wohlfahrt abgeleitet. Er weist darauf hin, dass es niemand leugnen kann, dass die langandauernde positive Entwicklung der Wirtschaft seit der Industriellen Revolution in England die Szenerie menschlicher Gesellschaften verändert hat. Ralf Dahrendorf kritisiert: „Aber Ökonomen halten die zugrunde liegenden Sozialstrukturen fast ängstlich konstant, so als ob der ganze Ansatz der Ökonomie zusammenbrechen würde, wenn auch diese sich änderten.“

Der Kapitalismus kann nicht alle Probleme der Gesellschaft lösen

Der Kapitalismus, also das Wachstum des Angebots, löst nach Ralf Dahrendorf weder alle Probleme noch schafft er sie. Er erklärt: „Adam Smith irrte, als er sich zu viel vom natürlichen Fortschritt des Reichtums erhoffte, und Karl Marx irrte in der Erwartung, dass die Widersprüche des Kapitalismus zur dramatischen Auflösung des gordischen Knotens von Angebot und Anrechten führen würden.“

Für Ralf Dahrendorf steht fest, dass die Märkte versagen, wenn es um die Veränderung der Anrechte geht, sowie die Regierungen scheitern, wenn es um die Steigerung des Angebots geht. Aber es wäre seiner Meinung nach völlig falsch, den Markt oder den Staat für das verantwortlich zu machen, was sie ihrer Natur nach nicht leisten können. Das gilt, daran will Ralf Dahrendorf überhaupt keinen Zweifel lassen, für beide, Markt und Staat.

Von Hans Klumbies

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