Wolfgang Hetzer untersucht das Verhalten der Kapitalisten

Wolfgang Hetzer untersucht das Verhalten der Kapitalisten

Um die aktuelle Weltwirtschaftskrise zu verstehen wird man wohl auf die Geschichte des Kapitalismus als System zurückblicken müssen. Wolfgang Hetzer gibt durchaus zu, dass sich dessen Geschichte möglicherweise nicht wiederholen wird. Allerdings gilt dies für die Verhaltensweisen der kapitalistischen Akteure augenscheinlich nicht. Wolfgang Hetzer schreibt: „Die demonstrative Überraschung angesichts des Ausbruchs einer Krise offenbart eine Eigenschaft, die in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung offensichtlich kultiviert wird.“ Die amerikanische Historikerin Joyce Appleby hat herausgefunden, dass es sich dabei um einen Geist von Optimismus handelt, der die Realität verneint. Zum Geist des Kapitalismus wird jeher der Verkäufer gezählt, der Vertrauen und Zuversicht verströmt. Wolfgang Hetzer, Dr. der Rechts- und Staatswissenschaft, leitete von 2002 bis 2011 die Abteilung „Intelligence: Strategic Assessment & Analysis“ im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Brüssel.

Im 19. Jahrhundert gewährleistete die Vorsicht der Banken noch eine gewisse Marktstabilität

Wenn es in einem Wirtschaftssystem keine verantwortliche Instanz gibt, sucht die Mehrzahl der Marktteilnehmer nach neuen und möglichst einfachen Methoden, um möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Dann werden nach der Einschätzung von Joyce Appleby Panikattacken, Krisen und Zusammenbrüche früher oder später unumgänglich. Unterdessen manchen Menschen überall auf der Welt einträgliche Geschäfte ausfindig, die keinen hoheitlichen Regeln unterworfen sind.

Joyce Appleby kommt bei ihren Untersuchungen zu folgendem Befund: „Erleiden bestimmte Geschäftemacher Schiffbruch, springen Regierungen ein, um den Schaden zu beheben.“ Mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers schien vorerst eine zwanzig Jahre andauernde Jagd nach hohen Renditen ihr vorläufiges Ende gefunden zu haben. Joyce Appleby weist darauf hin, dass es im 19. Jahrhundert auf den Finanzmärkten noch etwas gesitteter zuging. Seinerzeit gewährleistete die Vorsicht der Banken noch eine gewisse Marktstabilität.

Nur verlässliche und kostengünstige Banken sind Leistungsträger einer Gesellschaft

Ihre Nachfolger verlegten sich dagegen in Anlagen in Wertpapiere, die sie extra für ihre Kunden erfunden hatten. Wolfgang Hetzer erläutert: „Sie schlugen bei der Vergabe von Krediten jede Vorsicht in den Wind. Partnerschaften in den Privatbanken wurden von Kapitalgesellschaften abgelöst, die den Managern zahlreiche Möglichkeiten eröffneten, Risiken einzugehen, ohne die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen.“ Gleichzeitig wurden auf den Finanzmärkten der Welt ungewöhnlich hohe Summen hin und her bewegt.

Wolfgang Hetzer weist darauf hin, dass in dieser Zeit das Finanzvermögen weitaus stärker wuchs als die Realwirtschaft. Gleichzeitig stellte sich aber auch folgendes heraus: je freier die Märkte sind, desto größer werden die Möglichkeiten, unbeabsichtigte Folgen auszulösen. Joyce Appleby macht mit Recht darauf aufmerksam, dass Banken nur dann Leistungsträger der Gesellschaft sind, wenn sie verlässlich und kostengünstig wirtschaften. Das haben die Banken aber irgendwann nicht mehr getan.

Von Hans Klumbies

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