Wolfgang Hetzer erläutert die Erfindung des Kapitalismus

Wolfgang Hetzer erläutert die Erfindung des Kapitalismus

Der Kapitalismus ist eine Erfindung. Er ist für Wolfgang Hetzer jedenfalls keine Konsequenz naturgesetzlicher Verhältnisse, obwohl manche Ökonomen immer wieder über seine angeblichen Zwangsläufigkeiten schwadronieren. In Wahrheit ist der Kapitalismus laut Wolfgang Hetzer eine Rettungserfindung. Er nennt den Grund: „Selten sind sich in dieser Wirtschafts- und Lebensform Geschichte und Aktualität so nahe gewesen wie in jüngster Zeit. Die Erfindung des Kapitalismus hatte dereinst den Staat gerettet.“ Der Schotte John Law, der von 1671 bis 1729 lebte, hatte vom Herzog Philippe II. von Orléans die Erlaubnis erhalten, die erste Bank Frankreichs zu gründen. John Law hielt eine Währung in Form von Papiergeld für das zweckmäßigste Mittel der Geldvermehrung. Wolfgang Hetzer, Dr. der Rechts- und Staatswissenschaft, leitete von 2002 bis 2011 die Abteilung „Intelligence: Strategic Assessment & Analysis“ im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Brüssel.

Papiergeld ist im Bezug auf die Werthaltigkeit an sich wertlos

Eine Verschlechterung der Münzen kam für John Law wegen des inflationären Effekts nicht in Betracht. Eine Goldwährung schien ihm wegen der Schwankungen bei der Goldproduktion nicht umsetzbar. Unter dem Einfluss von John Law entstand damals in kurzer Zeit zunächst ein sagenhafter Pseudoreichtum. Als sich dieses Scheinvermögen in Luft auflöste, entstand bittere Armut. Papiergeld verdient laut Wolfgang Hetzer zu allen Zeiten Misstrauen, besonders, wenn es um Werthaltigkeit geht, denn es ist an sich wertlos.

Nach und nach gelang es aber dem Staat, das natürliche Misstrauen der Menschen gegen das Papiergeld einzudämmen und teilweise sogar zu überwinden. Wolfgang Hetzer nennt den einfachen Trick: „Der Staat versprach, das neue Geld zur Begleichung von Steuerschulden zu akzeptieren und das bedruckte Papier jederzeit wieder gegen echte Werte (Edelmetall) einzutauschen.“ Damit wurde seiner Meinung aber in einem doppelten Sinn strategisch gelogen. Einerseits benutzte der Staat das neue Geld alsbald zur Steuererhöhung.

Mit der Einführung des Papiergelds durchdrang die Spekulation das gesamte Wirtschaftssystem

Andererseits besaß die damalige „Banque Générale“ zu keinem Zeitpunkt ausreichende Goldreserven, um allen Kunden das Tauschversprechen einlösen zu können. Wolfgang Hetzer weist darauf hin, dass noch eine weitere Lüge hinzu kommt, deren Aktualität offensichtlich ist: „Sie besteht darin, dass Bank und Staat wechselseitig füreinander einstehen und einander kontrollieren würden, um das neue Geld als gesamtwirtschaftliches Produkt zu einer politisch-ökonomischen Wirklichkeit zu machen. Damit begann eine der erfolgreichsten und schwerwiegendsten Täuschungen der Weltgeschichte.

Die Einführung des Papiergelds zu einem offiziellen Zahlungsmittel verwandelte das bankrotte Frankreich in einen wohlhabenden Staat. Die Spekulation geriet zum Wesen des gesamten Wirtschaftssystems. Das ist für Wolfgang Hetzer leicht zu erklären: „Geld wurde einfach billiger. Handwerker und Kaufleute konnten Aufträge übernehmen, auch wenn deren Gegenwert nicht vollständig vorhanden war. Mit anderen Worten: Mit dem Kapitalismus kam die Zukunft. Man konnte mehr ausgeben, als man hatte.“

Von Hans Klumbies

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