Der Strukturwandel greift tief in die Weltwirtschaft ein

Der Strukturwandel greift tief in die Weltwirtschaft ein

Allen Symptomen der Fehlfunktionen, die zur Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 führten, liegt laut Joseph Stiglitz eine umfassenden Tatsache zugrunde: Die Weltwirtschaft macht eine tief greifende Transformation durch, wie auch in den Jahren der Großen Depression, die mit dem Schrumpfen des Agrarsektors in Amerika zusammenfiel. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte waren schon vor dem Börsenkrach von 1929 gefallen. Joseph Stiglitz beschreibt den damaligen Transformationsprozess wie folgt: „Die Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft waren so groß, dass ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung den gesamten Nahrungsmittelbedarf des Landes decken konnte.“ Damals fand der schwierige Übergang von einer agrarisch geprägten Volkswirtschaft zu einer industriell dominierten Wirtschaft statt. Tatsächlich wuchs die Wirtschaft in den USA erst wieder, als der New Deal seine Wirkung entfaltet und der Zweite Weltkrieg einen gewaltigen Nachfrageboom nach Fabrikarbeitern auslöste.

Das enorme Staatsdefizit der USA wird langfristig nicht tragbar sein

Für Joseph Stiglitz besteht kein Zweifel, dass sich heute in Amerika ein ähnlich grundlegender Strukturwandel vollzieht. Er führt weg von der Industrieproduktion hin zu einer Dienstleistungsökonomie. Der Nobelpreisträger für Wirtschaft erklärt: „Auch dies hängt zum Teil mit enormen Produktivitätssteigerungen im verarbeitenden Gewerbe zusammen, mit der Folge, dass ein keiner Prozentsatz der Bevölkerung sämtliche Spielzeuge, Autos und Fernsehgeräte herstellen kann, die selbst die materialistischste und verschwenderischste Gesellschaft kaufen will.“

Diese mikroökonomische Anpassung ist gemäß Joseph Stiglitz gepaart mit einer Reihe makroökonomischer Ungleichgewichte. Er kritisiert, dass die Amerikaner nach wie vor über ihre Verhältnisse leben und statt Geld für die Renten der Generation der Baby-Boomer auf die hohe Kante zu legen weiter ihrem Konsumrausch frönen, der zum überwiegenden Teil von China und anderen Entwicklungsländern finanziert wird. Die Tatsache, dass arme Länder reichen Ländern Geld leihen ist für Joseph Stiglitz ein eher ungewöhnlicher Vorgang. Zudem glaubt er, dass das Ausmaß der Defizite langfristig nicht tragbar zu sein scheint.

Die US-Notenbank ist mitschuldig an der Weltwirtschaftskrise

Joseph Stiglitz erläutert: „In dem Maße, wie die Verschuldung der Länder steigt, verlieren die Kreditgeber womöglich den Glauben an die Zahlungsfähigkeit des Schuldners – und dies kann sogar für ein reiches Land wie die Vereinigten Staaten gelten.“ Nur wenn die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte behoben werden, können die amerikanische Wirtschaft und die Weltwirtschaft zu alter Leistungsfähigkeit und Stärke zurückfinden.

Je länger die Politik und die Ökonomie warten, sich mit den grundlegenden Problemen der Weltwirtschaftskrise zu befassen, desto länger wird es dauern, bis die Weltwirtschaft wieder zu einem robusten Wachstum zurückkehrt. Eine große Mitschuld an der Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 gibt Joseph Stiglitz der US-Notenbank (Fed). Er erklärt: „Als die Krise begann, hatte die Fed viele Befugnisse, die sie gar nicht nutzte. Praktisch jede Interpretation der Krise schreibt der Fed eine maßgebliche Mitverantwortung für die Entstehung dieser und der vorangegangenen Blasen zu.“

Kurzbiographie: Joseph Stiglitz

Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft unter anderem an den Universitäten von Yale und Oxford, bevor er 1993 zu einem Wirtschaftsberater der Clinton-Regierung wurde. Anschließend ging er als Chefvolkswirt zur Weltbank. Im Jahr 2001 wurde Joseph Stiglitz mit den Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.

Heute lehrt er an der Columbia University of New York und hat unter anderem die UN-Kommission zur Reform der internationalen Geld- und Finanzmärkte geleitet. Joseph Stiglitz hat mehrere Bücher geschrieben, darunter die Bestseller „Die Schatten der Globalisierung“ (2002), „Die Chancen der Globalisierung“ (2006) und „Im freien Fall“ (2010).

Von Hans Klumbies

 

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