Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt

Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt

Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), hat einen Megatrend entdeckt: Unternehmerische Risiken werden auf die Arbeitnehmer abgewälzt. Früher war die Arbeitswelt durch klare Hierarchien und Arbeitsanweisungen geregelt. Diese Form löst sich seiner Meinung nach auf. Hilmar Schneider erklärt: „Es wird nicht mehr gefragt, was zu tun ist, es wird nur das Ergebnis vorgegeben. Wie das zu erreichen ist, bleibt dem Arbeitnehmer überlassen.“ Für die Beschäftigten bedeutet dies, dass sie das Risiko zu scheitern, mit nach Hause nehmen. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verwischt. Da nicht jeder mit dieser Autonomie umgehen kann, fühlen sich viele Menschen von diesem Trend überfordert, da niemand sieben Tage die Woche auf Dauer arbeiten kann. Aber es gibt auch Personen, die diesen Zustand als Bereicherung empfinden.

Einfache Jobs wandern in Billiglohnländer ab

BerufBurn-out ist für Hilmar Schneider als moderne Zivilisationskrankheit ein Ausdruck davon, dass Menschen es nicht schaffen, sich selbst Grenzen zu setzen. Der Arbeitsmarktforscher stimmt der These zu, dass in Deutschland gut ausgebildete Leute der zentrale Wettbewerbsvorteil sind. Er sagt: „Wir sind eine Volkswirtschaft, die auf Know-how angewiesen ist. Da werden wir auch in Zukunft stark sein müssen.“

Schon heute müssen nicht nur die Topmanager, sondern selbst Pförtner oder Kassiererinnen unternehmerische Verantwortung übernehmen. Diese Einstellung ist notwendig, um seinen Arbeitsplatz zu behalten. Nur die ganz Erfolgreichen können laut Hilmar Schneider mit Gehaltssteigerungen rechnen. Einen weiteren Trend sieht der Arbeitsmarktforscher in den immer höheren Qualifikationsanforderungen. Gleichzeitig werden die Jobs, für die man nur einfache Fähigkeiten bräuchte, zum großen Teil in Billiglohnländer ausgelagert.

Die soziale Sicherung muss an ein Prinzip von Gegenseitigkeit gekoppelt sein

Es ist fraglich, ob in einer zukünftigen Wissensgesellschaft überhaupt noch Platz für Menschen mit niedrigen Qualifikationen ist. Für Hilmar Schneider wird es deshalb in Zukunft wichtiger denn je sein, diese Menschen zu fördern und weiterzubilden. Auch beim Lohn geht die Schere immer weiter auseinander. Der Direktor für Arbeitsmarktpolitik erläutert: „Geringqualifizierte haben seit 30 Jahren praktisch keine Reallohnzuwächse verbuchen können, Hochqualifizierte haben ihre Einkommen mindestens verdoppelt.“

Um diese Situation zu entschärfen, muss es gemäß Hilmar Schneider Arbeit geben, die es Geringqualifizierten gestattet, ihre prekäre Lage aus eigener Kraft zu gestalten. Er rät der Politik die soziale Sicherung an ein Prinzip von Gegenseitigkeit zu koppeln. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sagt: „Wer von der Gemeinschaft unterstützt werden will, muss etwas tun. Wir brauchen diese Menschen, und dieses Gefühl müssen wir ihnen auch geben.“ Die Gewinner auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft werden diejenigen sein, die sich wie ein Unternehmen managen, sich vermarkten und in sich investieren.

Von Hans Klumbies

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